Ein hoffnungsloser Versuch zu schreiben

Von einem der Selbstmord beginnen will

Posted in Geschichten by admin on September 8th, 2008

Schon seit einer Stunde sass er nun da oben. Das sagte ihm der leise Glockenschlag aus der Ferne. Mehr als eine Stunde. Er war, und das wusste er schon lange, ein verdammter Feigling. Er war zu feige um sein Leben zu leben und nun war er zu feige um eben jenes zu beenden. Nur 30 Zentimeter trennten ihn vom sicheren Tod. Über 80 Meter geht es hier in die Tiefe. Das hat noch keiner überlebt. Klar, zu beneiden war er nicht. Seine Frau war schon eine ganze Weile weg, seine Kinder kannten ihn nicht, sein Job war der mieseste den er kannte und die dreckige Wohnung im Rotlichtmilieu der Stadt wurde mit der Zeit auch nicht besser. Und seit er wieder anfing zu rauchen, musste er sich hin und wieder zwischen einer Mahlzeit und einer Schachtel Zigaretten entscheiden. Letzteres hatte für ihn dabei oft die besseren Argumente bereit.

Noch einmal fing er an zu lachen. Wie einfach das nur war auf dieses Dach zu gelangen. Wenn er erst mal gesprungen ist, würden die Sicherheitsbestimmungen sicher verschärft werden. Wenn die Verantwortlichen feststellen, dass er hier nicht angestellt war oder sonst zum Zutritt berechtigt gewesen war. Dies war ihm aber eigentlich auch egal. Würden andere Selbstmörder nach ihm eben nicht so ein Glück haben. Sollte ein Selbstmörder Glück haben? Nein. Das wäre schlecht für das Selbstmörder Selbstvertrauen. Hätte er Glück, so müsste er nicht springen. Glück ist also etwas für Lebenswillige, nicht für Lebensmüde.

Bei diesem Gedanken blickte er noch einmal zwischen seinen Beinen, hinunter auf die leere Strasse. Ob hier der richtige Ort für den Sprung sei, fragte er sich nochmal selbst. Die Parkbank auf dem Gehweg bereitet ihm ein wenig Sorge. Was wenn er genau dort aufschlagen würde? Eine ziemlich hässliche Angelegenheit würde das ganze in jedem Fall werden, dessen war er sich bewusst. Und die Person die ihn finden würde, tat ihm jetzt schon leid. Doch ein Aufprall, quer über diese Parkbank konnte nur noch schlimmer sein. Sowohl für den der ihn findet, wie auch für den der ihn für die Beerdigung etwas zurecht machen müsste. Ausserdem stellte er sich generell die Frage, ob er sein Leben auf einer Parkbank beenden wollte. Andererseits war die Parkbank auch einige Meter vom Gebäude entfernt und er würde vielleicht nie so weit nach vorne fliegen. Vielleicht sollte er sich eher fragen, ob ihm nicht wohl auf halbem Weg noch ein Fensterbrett in den Weg kommen könnte. Dann lieber auf die Parkbank.

Erneut hörte er die Kirchenglocken. Er wusste nicht woher. Er hatte sie nie zuvor gehört. Einen Moment lang dachte er, sie läuteten nur für ihn, damit er wisse, dass er sich beeilen musste. Ob alle Selbstmörder so lange brauchen bis sie springen? 30 Zentimeter trennten ihn von dieser Welt. Und ob die anderen Typen auch soviel nachdachten. Vielleicht dachten seine Vorgänger auch an ihre Vorgänger. Aber vielleicht kamen diese auch einfach auf ein Hochhaus oder an eine Klippe gelaufen, sagten sich, dass es nun endlich geschafft sei und alle Leiden nun ein Ende finden würden, darauf nahmen sie einen beherzten Sprung und waren ihrem überdrüssigen Leben für immer entflohen.

Woher kam nur dieser Glockenschlag? Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten mal eine Glocke läuten gehört hatte. Ob diese verdammte Stadt so laut war oder ob man die Glocken wohl leiser machte? Er hatte keine Ahnung.

Was für eine schöne Nacht es doch war. Eigentlich hätte er viel früher hier her kommen sollen, damals als sein Leben noch lebenswert war. Der Blick über die Stadt war fantastisch. Die ganzen Lichter, in allen Farben und Formen, ein wahres Lichtermeer. Ein Mann in glücklicherer Lage könnte sich hier das Herz erfreuen. Könnte über die Schönheit des Lebens sinnieren und Pläne für seine rosige Zukunft schmieden.

All die Jahre, dachte er, sie zogen fast alle an ihm vorbei. Bestimmt die Hälfte, Kategorie nicht lebenswert. Da würde sich doch so mancher Gedanken über die Weiterführung dieses lächerlichen Daseins machen. Niemand steckt ein solches Leben einfach so weg, ohne die Idee des frühzeitigen Endes. Schlimmer konnte es ja kaum werden. Nochmals steckte er sich eine Zigarette an. Es würde seine letzte sein, die Schachtel war leer. Nochmals dachte er an die Bank, weit unten auf dem Gehweg. Ach was, es war doch nun wirklich egal wie er danach aussehen würde. Zurecht machen würde man ihn sowieso nicht mehr. Wer sollte denn zu seiner Beerdigung kommen. Man würde seinen alten, entstellten Körper verbrennen. Die Urne würde man irgendwo in eine Ecke stellen, irgendwo, wo er auch nach seinem Tode niemanden im Weg stand. Dort wo man wohl auch die Überreste der anderen, in Ungnade gefallenen Mitbürger unterbrachte. Es spielte also keine Rolle, wo er aufschlagen würde. Auf dem Boden, auf der Parkbank oder auf dem einen oder anderen Fensterbrett.

Tief unter ihm ertönte das leise Zischen einer Bustüre. Jemand stieg aus, überquerte die Strasse und verschwand in einem Haus. Zuerst sah man ein dumpfes Licht aus den Fenstern zum Treppenhaus. Dann Licht aus einer Wohnung im dritten Stock. Kurze Zeit später war alles wieder dunkel. Im Haus wo er wohnte, war immer Licht im Treppenhaus, er fragte sich ob es überhaupt Lichtschalter gab. Es war auch immer laut in diesem Haus. Die Freier und die Nutten gingen die ganze Nacht ein und aus.

Schon vier Uhr, langsam musste er handeln. Er war ja kein Unmensch. So wollte er weder jemandem auf den Kopf springen und diesen mit ziemlicher Sicherheit töten, noch wollte er jemanden erschrecken, weil er ihn springen oder noch schlimmer, aufschlagen sehen würde.

Der letzte Zug an der Zigarette schmeckte ihm nicht mehr. Er schmeckte bitter, wie das Leben. Nichts schmeckte ihm mehr. Selbst die frische Luft in dieser luftigen Höhe schien zu stinken. Er ärgerte sich. Schon viel zu lange sass er da oben. Wo war sein Selbstmörder Selbstvertrauen? 30 Zentimeter, das ist weniger als ein kleiner Schubser. Den Körper ein wenig anheben, mit den Füssen etwas abstossen und schon würde er der Freiheit entgegen fliegen. Den Aufprall spüre man nicht mehr, hatte er gelesen. Da ist man schon vorher weg. Ob er schreien würde? Aus Angst? Vor Freude? Oder einfach weil man schreit wenn man fällt?

Der glühende Zigarettenstummel flog langsam auf die Strasse runter. Er zählte langsam. Wahrscheinlich würde er schneller sein, dachte er. Vier… fünf… dann sah er die Zigarette nicht mehr, sie war einfach zu klein und seine Augen waren auch nicht mehr die selben wie früher.

Er griff in seine Hosentasche und holte eine Münze raus. Er fragte sich ob er wohl den Aufprall hören würde. Wahrscheinlich nicht. Ausserdem würde kein Geld für so was verschwenden. Vielleicht würde er es noch brauchen.

Weit hinter der Stadt, nach Feldern und Wald, hinter den Hügeln am Horizont sah er wie sich der Himmel rötlich färbte. Kalt lief es ihm den Rücken herunter und alle Haare standen von seinem Körper ab. Es war Zeit für ihn zu gehen.

You can leave a response, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a reply